Fachartikel
In dieser Rubrik sollen in lockerer Folge Artikel von Kennern und Freunden der Rasse zu unterschiedlichen Themen erscheinen.
Wir sind dankbar, dass wir als ersten Autoren den Sage-Koochee-Experten Herrn Rasaq Qadirie gewinnen konnten, auf dessen Wissen sämtliche über die Rasse im Westen verfügbaren Informationen basieren. Sein Artikel basiert auf einem Auszug aus seinem gerade erschienenen Buch über den Sage Koochee, das neben interessanten Details vor allem durch einmaliges Bildmaterial von überaus seltenen, ursprünglichen Hunden, wie man sie bei uns im Westen noch nicht gesehen hat, überzeugt.

| Sage Koochee Hündin © Sage-Koochee.de |
Zuchtkriterien
von A. Rasaq Qadirie
Für den Sage Koochee existiert kein Standard. Den afghanischen Nomaden oder Hirten interessiert keine Fellfarbe, keine Augenfarbe, kein perfektes Scherengebiss, keine Mindestgröße und kein Mindestgewicht, sondern nur die Arbeitsqualität seines Hundes, als eine Art Lebensversicherung für seine Tiere und damit auch für sich selbst.
Schon bei der Domestikation vom Urvater Wolf zum Hund, der sich zunächst
in der Nähe der Höhlen der Urmenschen aufhielt, das Lager „bewachte“, dann zum Jagdbegleiter wurde, um schließlich als Helfer der Nomaden und Viehzüchter seine heutige Aufgabe zu finden, stand für den Menschen ausschließlich die „Arbeitsqualität“ im Vordergrund.
Der schwierige Lebensalltag mit seinen körperlichen Ansprüchen und seinen Gefahren in den Bergen oder in der Wüste sorgte und sorgt noch heute für eine harte Auslese ohne Rücksicht auf optische Details. In der Realität findet man deshalb in Afghanistan praktisch jede Fellfarbe, wenngleich sich feststellen lässt, dass sehr ursprüngliche Blutlinien oft zobelfarbene Hunde mit wenigen weißen Abzeichen hervorbringen. Diese Farbe war früher noch wesentlich häufiger als heute.
Die Größe und das Gewicht der einzelnen Hunde steht im Verhältnis zu ihrer jeweiligen Arbeit, die unter Anderem von den geomorphologischen und klimatischen Gegebenheiten und den vorkommenden Beutegreifern abhängig ist.
Die meisten Koochee-Hunde in Afghanistan verfügen über ein perfektes Scherengebiss. Man findet allerdings auch Hunde mit Zangengebiss. Manchmal wandelt sich übrigens ein Scherengebiss später, oft erst im Alter von 4-5 Jahren, zum Zangengebiss. Dieses geschieht wohl durch das rauhe Hirtenhundeleben in der Wildnis. Sicher weniger durch das Zerkauen ihres hundertsten Wolfes, sondern beim Zernagen von allem Essbaren, was in ihre Reichweite kommt. Eukanuba oder Frolic stehen nicht zur Verfügung.
Daneben gibt es auch Sage Koochee mit leichtem Vorbiss (konvertiertem Scherengebiss), die in ihrer Arbeitsleistung anderen Hunden keineswegs nachstehen.
Beim Koochee-Hund existieren, wie auch beim Wolf, eine Vielzahl von Augenfarben. Bei manchen Hirtenhunden aus Afghanistan sieht man gold-gelbliche (bernsteinfarbige) oder grau-grünliche Augen. Gerade unter den sehr ursprünglichen Sage-Koochee-Exemplaren gibt es auch Hunde mit einem teilweise oder ganz blauen oder mit zwei blauen Augen, die hervorragende Arbeitsleistungen erbringen.

| Augen eines Wolfes |
Zusammenfassend kann ich sagen, dass ich Arbeitshunde mit relativ geringer Körpergröße, geringem Körpergewicht, gelblichen, grünlichen, blauen Augen oder mit einem anderen als einem Scherengebiss gesehen habe, die hervorragende Arbeitsqualitäten aufwiesen. Dieses wird durch meine Gespräche mit Hirten untermauert.
In letzter Zeit wird von Menschen, die mit der Materie im Detail noch nicht vertraut sind, häufiger gefragt, ob der Sage Koochee ein CAO sei. Der folgende Artikel soll diese Frage beantworten.
Ist der Sage Koochee ein CAO?
von Steffen Ratzke
Der Themenkomplex „Zentralasiatische Hirtenhunde“ ist nicht einfach zu überschauen.
Hirtenhunde hat es in Zentralasien seit tausenden von Jahren gegeben. Die Ländergrenzen, die wir heute kennen, sind alle neueren bzw. neusten Datums und den dort lebenden Menschen von fremden Mächten aufgezwungen worden. Sie orientieren sich weder an den ursprünglichen Stammesgebieten noch an den traditionellen Routen der Nomaden. Deshalb wäre es nicht sachgerecht, die Rassenzugehörigkeit eines Hirtenhundes an einer modernen Landesgrenze festzumachen. Die Hirtenhunde eines Turkmenen, der in Nordafghanistan lebt, gehören keiner anderen Rasse an, als die Hirtenhunde der Mitglieder seiner Familie, die wenige Kilometer entfernt auf der anderen Seite der Grenze in Turkmenistan leben. Sie sind zentralasiatische Hirtenhunde aber keine modernen CAO (Centralasiatische Hirtenhunde), wie sie die FCI mit dem Herkunftsland Rußland führt und schon gar keine russischen Owtscharki.

| Sage Koochee Hündin in Action © Sage-Koochee.de |
Können aus solchen Hunden nun CAO oder russische Owtscharki werden? Nein! Ihre Nachkommen können aber sehr wohl moderne FCI anerkannte CAO werden, wie die Vergangenheit gezeigt hat. Man nahm diese Hunde mit nach Russland, kreuzte sie unabhängig von Ihrer Herkunft und ihrem Typ mit anderen Hirtenhundrassen oder -schlägen Zentralasiens, verlor über kurz oder lang die Arbeitsfähigkeit aus den Augen und griff allzuoft zu Inzucht und engster Linienzucht. Ging der Typ bzw. die Substanz dadurch verloren, kreuzte man hier und dort gerne Bernhardiner, Neufundländer oder in neuerer Zeit wohl auch Bordeauxdoggen sowie Cane Corso und mit diesen deren typische Erkrankungen ein. Am Ende dieser Entwicklung steht der moderne FCI anerkannte CAO, wie wir ihn heute erleben dürfen und den wir, von mir aus, auch gerne „Russischen Owtscharka“ nennen können.
Die wenigen Idealisten in der Zucht des CAO haben sich weitgehend zurückgezogen. In Russland ist er Modehund geworden mit allen Nachteilen, die eine solche Entwicklung mit sich bringt. Gute Hunde sind mehr als selten. Auf die eleganten Gänge und die unglaubliche Beweglichkeit, die zentralasiatische Hirtenhunde auszeichnet, wurde zugunsten übergroßer „Molosser“-Köpfe und eines breiten bulldogähnlichen Standes der Vorderbeine verbunden mit einer schwachen Hinterhand verzichtet. In den Westen gaben und geben die Züchter dann in der Regel die Hunde ab, die sie selbst für die schlechtesten hielten bzw. halten. Eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung. (Ausnahmen bestätigen hier nur die Regel.)
Immer mehr Menschen sehen ein, wie überaus negativ diese Entwicklung ist und suchen nach Alternativen. Für die wenigen von ihnen, die optimale Haltungsvoraussetzungen haben, kommt ein Sage Koochee ebenso in Betracht, wie ein ursprünglicher Hund aus den anderen zentralasiatischen Staaten.

| Sage Koochee Rüde in voller Bewegung © R. Qadirie |
Die Geschichte Afghanistans ist eine ganz andere, als die Ihrer Nachbarstaaten. Ohne auf Details einzugehen, lässt sich zunächst festhalten, dass fremde Mächte nie in der Lage waren, das Land vollständig zu beherrschen und dass dadurch die Hirtenhunde weitgehend frei von fremden Einfluss geblieben sind. Auch wenn die Anzahl der von der Viehzucht lebenden Nomaden zurückgeht, leben in Afghanistan noch immer hundertausende von Menschen auf diese traditionelle Weise und benötigen leistungsfähige Hirtenhunde für den Herdenschutz. Deshalb kann es nicht verwundern, dass es in Afghanistan, im Gegensatz zu den umliegenden Staaten, ein noch ausreichendes Potential an hervorragenden Hirten- bzw. Nomadenhunden (Sage Koochee) gibt, auch wenn mittlerweile manche gute Blutlinie bedroht oder bereits verschwunden ist.
Es gibt kaum ein Thema, über das in Herdenschutzhundkreisen so viel diskutiert wird, wie über die richtige Größe und das richtige Gewicht eines typischen Arbeitshundes. Der folgende Beitrag soll helfen, diese Diskussion zu versachlichen.
Die richtige Größe und das richtige Gewicht eines typischen Arbeitshundes
von Steffen Ratzke
Ein Arbeitshund-Rüde kann mit über 70 cm Schulterhöhe zu groß und mit unter 80 cm zu klein für seine jeweilige Aufgabe sein. Zu diesem Ergebnis gelangt man dann, wenn man die Herdenschutzhunde in einem Land wie Afghanistan beobachtet. In diesem Land werden noch viele tausend Sage Koochee als reine Arbeitshunde an Schafherden gehalten. Sie sind lebenswichtig für ihre Menschen. Ein afghanischer Nomade oder Schafzüchter würde nie einen Hund von deutlich über 80 cm Schulterhöhe züchten und einsetzen, wenn er nicht gerade so einen Rüden brauchen würde, denn er muss diesen Hund ernähren. In bestimmten Bezirken von Afghanistan findet man aber an jeder größeren Schafherde Rüden von über 80 cm Schulterhöhe. Selbst 85 cm oder mehr sind dort keine Seltenheit. Hieraus kann man nur schließen, dass in diesen Gegenden so große Hunde benötigt werden.

| Afghanistan-Import Jerab (85 cm) hat in seinem ersten Lebensabschnitt eine Schafherde in Nordafghanistan geschützt. © Sage-Koochee.de |
Hierbei handelt es sich übrigens ausnahmslos um hochbeinige Steppentypen mit einem für ihre Körpergröße erstaunlich geringem Gewicht. Solche Rüden mit einer Größe zwischen 80 und deutlich über 85 cm wiegen zwischen 50 und maximal gut 65 kg. Diese Gewichte erreicht ein typischer, im Herdenschutz arbeitender Rüde vom Berghundtyp in anderen Regionen Afghanistans bereits mit der bei diesen Hunden üblichen Körpergröße von 70 bis maximal 75 cm Schulterhöhe.
In anderen Gegenden Afghanistans findet man häufig Rüden mit einer Körpergröße von ca. 75 bis 78 cm und einem Gewicht von knapp 55 bis gut 60 kg.
In wieder anderen Bezirken, in denen die Schafherden viele hundert Kilometer in relativ kurzer Zeit zurücklegen müssen, findet man zähe und drahtige Hunde mit einer Körpergröße von maximal 70 cm und um die 40 kg Gewicht beim Rüden und deutlich kleinere und leichtere Hündinnen.
Warum gibt es diese Unterschiede? In seinem Buch über den Sage Koochee schreibt Rasaq Qadirie hierzu: „Die Größe und das Gewicht der einzelnen Hunde steht im Verhältnis zu ihrer jeweiligen Arbeit, die unter Anderem von den geomorphologischen und klimatischen Gegebenheiten und den vorkommenden Beutegreifern abhängig ist.“ Kürzer und präziser kann man diese Frage nicht beantworten. |